Das SchulgespenstMeine Mutter erzählte mir zum ersten Mal diese Geschichte und sie hatte sie von ihrer Großmutter gehört, die dabei gewesen war, als die Schule im Jahre 1903 gebaut wurde. Lange hatten die Pulsnitzer auf die neue Schule gewartet. Die alte Schule an der Kirche reichte hinten und vorne nicht mehr. Aber nun sollte Pulsnitz eine neue Schule bekommen und was für eine. Eine prunkvolle im Jugendstil mit großen Fenstern, mit Springbrunnen und Stuck an den Zimmerdecken. Alles vom Feinsten. Damals soll es das erste Mal erschienen sein, das kleine knochige Männchen. Es soll den Baumeister plötzlich von hinten angesprochen haben als er den Bauplatz besichtigte. Es war als hätte es sich aus einem großen alten Baum gelöst, der damals da stand. "He du", sprach es. "Was hast du vor, edler Mann?" "Ich weiß nicht, was dich das angeht", herrschte der Baumeister das Männlein an. "Aber ich werde hier eine neue Schule bauen." "Gut", sprach das Männchen. "Aber lasse meinen Baum stehen. Er wird den Bau nicht behindern und den Kindern später Schatten und Freude schenken." "So ein Quatsch", sagte der Baumeister. "Der Baum stört uns nur bei den Baumaßnahmen. Wenn die Schule fertig ist, werden wir neue Bäume pflanzen." "Es wird lange dauern bis diese Bäume groß sind. Lass den alten Baum stehen, dann wird dir der Bau gut gelingen, haust du ihn um, wird dir das nur Sorgen bringen.", sprach der kleine Mann und war so plötzlich verschwunden, wie er erschienen war. Nun der Baumeister hatte das Gespräch schnell vergessen. Er hatte jetzt auch andere Dinge im Kopf. So ein Bau war damals eine schwierige Angelegenheit, denn vieles war mit Handarbeit verbunden. Da passierte dann auch schnell mal ein Unglück. So zum Beispiel als der alte knochige Baum gefällt wurde. Ohne einen ersichtlichen Grund sauste er in eine andere Richtung als geplant. Ein Arbeiter konnte sich zum Glück durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen. Aber das Baumaterial, das gerade in dieser Richtung lag, wurde zum Teil erheblich beschädigt. Der Baumeister besah sich den Schaden und knurrte: "So ein Mist." Hinter ihm zischte es leise: "Lass den alten Baum stehen, dann wird der Bau gut gelingen. Haust du ihn um, wird dir das nur Sorgen bringen." Der Baumeister drehte sich schnell um und fuhr den Maurer hinter sich an: "Hermann, was flüsterst du da?" Dieser sah ihn erschrocken an und sagte: "Ich habe nichts gesagt." Der Bau ging weiter. Aber immer wieder kam es zu seltsamen Zwischenfällen. Da fiel das Werkzeug vom Gerüst, ohne dass jemand da war. Leitern lösten sich von der Wand und stürzten zu Boden. Farbtöpfe waren plötzlich leer. Ja sogar Muster, die an die Wand gemalt wurden, sahen am anderen Tag ganz anders aus. Und das Pulsnitzer Wappen, das das Dach schmücken sollte, wurde plötzlich von einem Bären getragen. So kam langsam das Gerücht vom Schulgespenst auf. Besonders auch dadurch, weil der Baumeister, als wieder einmal alles schief lief, in die Kneipe ging und ein paar Gläser zu viel trank. In seinem Zustand lallte er plötzlich: "Lass den alten Baum stehen, dann wird dir der Bau gut gelingen. Haust du ihn um, wird dir das nur Sorgen bringen." Die Maurer und Zimmerleute, die sich nach der schweren Arbeit auf der Baustelle auch ein Glas Bier gönnten, schauten den Baumeister verwundert an. Und nun musste er erzählen, wie es zu diesem seltsamen Spruch kam. "Ja nun ist alles klar", sagte Hermann, der Maurer. "Das kleine Männchen war ein Baumgeist." "Ja und nun haben wir ein Schulgespenst", lachten die anderen. Aber, ob man nun an Gespenster glaubt oder nicht, Tatsache ist, dass beim Bau so manches schief ging. Trotzdem wurde die Schule fertig und sollte mit einer großen Feier und mit einem Umzug von der Kirche bis zur Schule eingeweiht werden. Zuvor nahmen die Vertreter des Stadtrates und der ehrenwerte Bürgermeister die Schule in Augenschein. Sie waren sehr zufrieden. Besonders die Bleifenster mit Rietschel und Ziegenbalg als Motiv fanden viel Zuspruch. Dagegen wurde der Bär auf dem Dach etwas spöttisch betrachtet, denn es sollte dort ja eigentlich nur das Pulsnitzer Stadtwappen prangen. Der Baumeister sagte, es habe sich so ergeben. Sollte er etwa zugeben, dass da wieder das Schulgespenst seine Finger im Spiel hatte? Nach einem langen Rundgang kamen die Stadträte auf dem Boden an und lobten die schöne Uhr. Aber was war das? "Wo führt denn diese Tür hin?", wollte der Bürgermeister wissen. "Ja, wissen Sie…", sagte der Baumeister. Doch da hatte der Bürgermeister die Tür schon aufgerissen und schaute auf eine Wand. Hinter der Tür war nichts weiter als ein kleiner, ja winziger fensterloser Raum. "Ja was soll denn das?", tobte der Bürgermeister. "Ich fordere eine Erklärung!" "Nun wissen Sie…", sagte der Baumeister. "Das ist so … Ich meine es ist .. es ist … ein Baufehler." "Ein Baufehler?? Unerhört!! Das werden Sie zu verantworten haben." "Selbstverständlich", entgegnete der Baumeister und war froh, dass keine weiteren Fragen dazu kamen. Dieser Raum war nämlich für das Schulgespenst. Seit er diesen Raum geplant hatte, gab es beim Bau keine Probleme mehr und als der Raum fertig war, klappten alle Baumaßnahmen ganz vorzüglich. Mit der Kritik des Bürgermeisters konnte er leben, mit einem verärgerten Gespenst nicht. So lebte das Gespenst 100 Jahre in unserer Schule und mancher Schüler soll es wahrhaftig gehört haben. Früher hatte unsere Schule nämlich große Lüftungsschächte und in diesen heulte es furchtbar gern. Ich selbst hatte einmal befürchtet mit ihm Bekanntschaft zu machen. Diese Sache war so. Wie jeder weiß sind meine Nerven nicht mehr im besten Zustand. So hatte ich mal wieder etwas Wichtiges in der Schule vergessen. Da ich gleich neben der Schule wohne, entschloss ich mich, die Sachen abends noch zu holen. Damals war die Schule noch nicht umgebaut und die Schule war total dunkel. Man musste sich erst bis zum Lichtschalter tasten. Ich wollte dies gerade tun, da hörte ich hinter mir ein Geräusch. Ein seltsames Geräusch. So wie ein Kratzen auf Stein und wie schneller Atem, aber nicht wie von einem Menschen. Einfach unheimlich. Ich versuchte den Lichtschalter zu erreichen. Da war es wieder dieses furchtbare Geräusch. Und jetzt. Funkelte da nicht auch noch etwas im Dunklen? Endlich. Der Schalter. Schnell Licht. Ja und da stand er vor mir, der Hund von unserem Hausmeister. Damals wohnte der Hausmeister noch in der Schule und er lies den Hund manchmal abends frei herumlaufen. Die Freude war groß beim Hund als er mich sah und bei mir, denn es war nicht das Schulgespenst. Nun werdet ihr fragen, wo ist das Schulgespenst heute? Das ist eine gute Frage, denn 2003 wurde unsere Schule renoviert. Dabei musste für eine zweite Treppe und den Aufzug ein Anbau angefügt werden. Die große Kastanie neben der Schule war dabei im Wege. Als der Bauleiter die Baustelle besichtigte, fragte ihn ein kleiner Mann mit etwas veralteter Kleidung, ob es denn wirklich nötig sei die Kastanie zu fällen. Also wörtlich sagte er: "Lass die Kastanie stehen, dann wird dir der Bau gut gelingen. Haust du sie um, wird dir das nur Sorgen bringen." Der Bauleiter dachte über die Worte des alten Mannes nach und wie ihr wisst, steht die Kastanie heute noch. Dafür ist aber die komische Tür auf dem Boden verschwunden. Und das Schulgespenst? Wenn ihr gut aufpasst, werdet ihr es vielleicht einmal dabei ertappen, wie es an den Türen spielt. Keiner ist zu sehen und trotzdem geht plötzlich die Tür zu. Aber diesen kleinen Spaß wollen wir ihm gönnen. Schließlich hat nicht jede Schule ein Schulgespenst. Die Geschichte wurde ausgedacht und geschrieben von Martina Rädel. |